Künstler:innengespräch in der aktuellen Ausstellung

 

mit Ute Klein, Elisabeth Nembrini, Peter Lüem

Beginn
Sonntag 26. April 2026, 14h00
www
www.vebikus-kunsthalle-schaffhausen.ch
Details
Moderation: Ursula Badrutt

Ausstellung bis 03.05.2026:

Ute Klein: lösen leiten lassen
Elisabeth Nembrini: Crystal Archive
Peter Lüem: «ikarus flieg|ht»

Ute Klein: lösen leiten lassen
Ute Klein nimmt mit einer grossen Wandmalerei Bezug zur speziellen Unterspann-Deckenkonstruktion der Vebikus Kunsthalle. Die Wandmalerei ist eine Umsetzung eines Auffang-Papiers, einer Malerei, die neben
ihren grossen mit verdünnter Farbe gekippten Ölbildern entstand. Die Deckenkonstruktion ist eine Umlenkung der Kräfte, die Linien von Ute Kleins Malerei sind Aufzeichnungen der Schwerkraft während des 'Malens'.
Ute Klein malt, in dem sie Farbe verdünnt, auf einen liegenden Malgrund leert und den dann bewegt, so dass die Farbe Flecken, Formen und Finger bildet oder in Linien auszieht, die der Schwerkraft der Bewegung folgen.
Die entstandene Form trocknet und wird weiterbearbeitet, so dass Linien in verschiedene Richtungen laufen, die Farbschichten sich atmosphärisch verdichten, Formen Gestalt annehmen. Äste, die Wasser und Nährstoffe
bis in die Baumwipfel leiten, farbige Stoffe und neue Ölbilder lassen als Ganzes eine Malerei im und mit dem Raum entstehen.

Elisabeth Nembrini: Crystal Archive
Zentral für Nembrinis Arbeit ist der Umgang mit alltäglich Vorgefundenem und zufällig Entdecktem. Scheinbar wertlose oder unbeachtete Dinge werden durch Aneignung und Transformation neu lesbar gemacht. Wiederkehrend integriert sie Tiere als Akteure oder Projektionsflächen für das Fremde und Unverfügbare. In crossmedialen Prozessen überführt sie inhaltliches wie physisches Material von einem Medium in ein anderes und schärft dabei ambivalente Stimmungen. Ziel ist es, Spannungsfelder und gegenseitige Abhängigkeiten sichtbar zu machen.
In der Vebikus Kunsthalle Schaffhausen zeigt sie analoge Farbfotogramme aus verschiedenen Werkserien. Diese Fotogramme sind erträumte und von Kontrolle losgelöste experimentelle Belichtungen. Ohne Kamera, in völliger Dunkelheit mit Licht direkt aus dem analogen Fotopapier gelockt, scheinen sie mehr Malerei als Fotografie zu sein. Dieser physische Vorgang bedingt direkte Berührung und unterscheidet sich komplett von einer digitalen Bildgenerierung. Er hält konkrete Lebendigkeit fest und erinnert gleichzeitig an ihr Ende. Die Grösse der Formate und Belichtungen bewegen sich am oberen Limit. Sie ergeben sich aus den Bedingungen des Labormaterials und den körperlichen Dimensionen der Künstlerin. Kein Bild ist wiederholbar und deshalb jedes ein Unikat. Die aktuellen Serien Assistance Pet Series, Trunk Series und Shell Series entstanden auf langen Bahnen von schwerem Hochglanzfotopapier, wo die Farben flüssig und in mehrschichtiger Tiefe erscheinen. Die spiegelnde Oberfläche zwingt die Betrachtenden zur Bewegung.

Peter Lüem: «ikarus flieg|ht»
Peter Lüem hat mit «ikarus flieg|ht» eine für den Ausstellungraum in der Vebikus Kunstalle konzipierte, multimediale Installation geschaffen. Ein vergängliches Objekt – Unfertiges, Prozesshaftes – alles ist instabil wie die ständige Veränderung fliessenden Wassers, Wind und Stoff gegenüber Dauerhaftem. Ein raumgreifendes Konstrukt aus Bambus, Stoff, Papier, Folien, vorhandenem einfachem Material, stark und flexibel, zerreissbar und zerbrechlich.
Die imaginäre Rekonstruktion eines Schiffskörpers erinnert an visuell Gespeichertes: Eine don quixott'sche Windmühle, ein lilienthal'sches Flugobjekt, ein Mobile. Ein Skelett, dünne Flughäute. Im Ausstellungsraum balanciert es wie ein Relikt im Status quo, fragil und kinetisch, als möchte es die Prinzipien des Gleichgewichts und der Schwerkraft in unserer Umgebung bekräftigen oder diese als Unmöglichkeit in den Raum stellen.
Bienenwachs verweist zum Mythos von Ikarus, dem gescheiterten Traum vom Davonkommen, vom Fliegen und Fliehen, von der Sehnsucht nach Freiheit und Leichtigkeit, riechbarer Wärme. Töne gehören auch zum Material im Raum. Akustische Bilder öffnen und verlieren sich. Ephemer durch Windböen hören wir Tierstimmen wie alte Gesänge aus fremden Kulturen, die den Ausstellungsraum kolonialisieren und eine Atmosphäre schaffen, direkt und unausweichlich Emotionen weckend. Genau wie die Projektion der Meeresbrandung an der Küste, die als eine schwindelerregende Illusion der Natur erscheint.
Bilder machen – «bildern» – ist Unterwegssein im Aussen, im Innern und das Gesehene, Gedachte visuell aussprechen. Durch Migration sich entwickeln, sich bewegen durch Raum und Zeit, sicher und mit Unsicherheit, nicht wissend, was das Schicksal bringt, was die Geschichte sein wird. Oszillieren zwischen fliessender Lebensader und suchendem Verstand, Horizont und Vertikale, die den Kreis, das Rad stabilisieren und im Kompass die Möglichkeiten der vier Himmelsrichtungen öffnen. Die Orientierung verlieren, Wahrnehmungsirritationen. Was ist vorne, hinten, was Material, was ein Abdruck oder Schatten davon. Ist Wasser hart und der Fels weich? Alles scheint nur so, eine zarte Vorstellung davon auf dünnem Papier. Eine Reflektion der Mensch-Welt-Beziehung, um Fragen zu untersuchen, die sich aus den Grenzen der eigenen Wahrnehmung ergeben, in der Parallelwelt einer Ausstellung, die zwangsläufig nur eine partielle Beobachtung ermöglicht. Die Werke unterordnen sich den Bedingungen des Raums, so wie die Wendeltreppe unerwartet Teil der Installation wird.
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